CETA ermordet den Nationalismus

Brexit Abstimmung gewonnen. CETA verhindert. Es ist ein schlechtes Jahr für den Nationalismus. Seine beiden größten Siege besiegeln seinen Untergang.

„Souveränität“ versprechen die Nationalisten. Das (eigene) Volk soll wieder Kontrolle über sein Schicksal erhalten. Im Augenblick des Sieges wird klar: Die Nationalisten versagen bei ihrem wichtigsten Versprechen. Sie versagen auf ganzer Linie.

Mein Kronzeuge? Ausgerechnet Theresa May.

Die britische Premierministerin will ein Freihandelsabkommen mit Indien abschließen. Was für ein Erfolg wäre das! Ein Markt von einer Milliarde Menschen öffnet sich dem vereinigten Königreich.

Doch daraus wird nichts. Denn Indien wird einem Freihandelsabkommen nur dann zustimmen, wenn gleichzeitig Inder leichter nach Großbritannien einwandern können.

Verweigert Theresa May eine leichtere Einwanderung – dann gibt es keinen Freihandel mit Indien. Frau May weiß das ganz genau. Denn wie sich herausstellt: Sie ist persönlich verantwortlich dafür, dass das viel größere Freihandelsabkommen zwischen Indien und der Europäischen Union nicht vorankommt.

Denn auch gegenüber der EU hat Indien eine leichtere Einwanderung seiner Staatsbürger nach Europa verlangt. Doch Theresa May hat als Ministerin in der britischen Regierung eine Zustimmung Großbritanniens blockiert. Ohne die UK war die gesamte EU handlungsunfähig. Keine Einwanderung in die EU – kein Freihandel mit Indien.

 

Zwei Lehren lassen sich aus diesem Erlebnis ziehen:

Zunächst: Wer mit der größten Demokratie der Welt – Indien – Freihandel vereinbaren will, der muss Indern die Einwanderung ermöglichen. Wenn Indien zur EU mit 507 Millionen Einwohnern nein sagt, dann wird es das gegenüber dem viel kleineren Großbritannien erst recht tun.

Beim Freihandel gilt: Der größere Partner bestimmt die Regeln. Wer „zurück zum Nationalstaat“ will, wählt damit Machtlosigkeit. (Lesen Sie unterhalb des Videos weiter)

Zweitens: Als Staatenbund kann die EU nicht funktionieren. Frau May hat als Ministerin in einer nationalen Regierung die gesamte EU blockiert. Wie soll eine Gemeinschaft funktionieren, bei der Unstimmigkeit innerhalb einer einzigen Regierung alle anderen zur Untätigkeit verdammt?

Genau das erleben wir seit 2008 jeden Tag: Bankenkrise, Eurokrise, Griechenlandkrise, Georgienkrieg, Ukrainekrieg, Syrienkrieg, Flüchtlingskrise: Keine einzige der Krisen konnten wir bewältigen oder auch nur wesentlich beeinflussen: Weil 28 nationale Regierungen sich nicht ein einziges Mal auf gemeinsames Handeln einigen konnten. Stattdessen werden Probleme (mit viel Geld) in die Zukunft verschoben.

 

Und CETA?

Unsinn ist es auch „die nationalen Parlamente stärken“ zu wollen. CETA macht dies offensichtlich. Innenpolitische Machtspiele in einem einzigen nationalen Parlament – ja sogar in einer einzigen Partei! – reichen: Und ganz Europa verliert ein wichtiges Handelsabkommen.

In Wallonien hat ein winziges Parlament 93,7 Prozent aller Europäer als Geisel genommen. Ein Parlament das nur 3,5 Millionen Menschen vertritt, hat entschieden mit wem 507 Millionen Europäer keinen Handel treiben dürfen.

Wer die nationale Ebene stärkt – sei es die Regierungen oder die Parlamente – verurteilt Europa zur Tatenlosigkeit. Genau dies ist das Ziel der Nationalisten: Die EU zerstören, indem man sie lähmt.

Doch seit CETA und Brexit ist klar: Die Nationalisten sind unfähig, Ergebnisse zu liefern. Wollen sie Einwanderung verhindern, dann erhalten sie keinen Freihandel. Ohne Freihandel verlieren aber Millionen ihren Arbeitsplatz und günstigere Produkte.

Der Pfund ist auf dem niedrigsten Stand seit 168 Jahren. Die Preise in britischen Lebensmittelgeschäften schießen in die Höhe. Britische Rentner im Ausland haben 20% ihrer Rente verloren.

Ist es da wirklich ein Gewinn das Schulen in Großbritannien jetzt einen Vermerk erstellen, wenn ein Kind im Ausland geboren wurde?

In einer vernetzten Welt entsteht Wohlstand durch Kooperation, nicht Abschottung. Entscheidungen die alle Bürger Europas betreffen, müssen auch von allen Europäern gemeinsam gefällt werden. Der richtige Ort dafür ist allein das Europäische Parlament. Wir brauchen ein Europa der Bürger.

Lies, Facts and a mood“ machten den Brexit möglich, sagt Alexander Graf Lambsdorff, der stellvertretende Präsident des Europäischen Parlaments. Ändern wir die Fakten, damit Lügen und schlechte Stimmungen nicht unsere Zukunft zerstören.

Jobs für Europas verlorene Generation

Chris Pyak und Alexander Graf Lambsdorff im Gespräch zu Europa

Es klafft ein Abgrund zwischen dem Leben dass Du genießen könntest und der Wirklichkeit in Europa. Besonders wenn es um Deine Karriere geht.
So könnte Dein Leben nach der Universität aussehen: Es gibt wenig Arbeitsplätze, aber Du machst Dir keine Sorgen. In Deinem Erasmus Semester hast Du ein paar Freunde gemacht und die verschaffen Dir ein Praktikum in Stockholm. Das Praktikum führt zu Deinem ersten Job in Berlin. Du arbeitest hart am Tag und feierst härter in der Nacht.

Nach drei Jahren ziehst Du nach Paris. Deine erste Senior Position. Du triffst jemanden und verliebst Dich. Gemeinsam mit Deinem Schatz, nutzt Du eine Chance und ziehst nach Amsterdam. In den Niederlanden garantiert der Staat Dein Recht im Home Office zu arbeiten. Das nimmst Du gerne wahr. Dein erstes Kind wird geboren.

Es wäre schön, wenn die Großeltern in der Nähe wären. Also entscheidest Du Dich Dein Kind in der Heimat aufzuziehen. Deinem niederländischer Chef ist es egal, ob Dein Home Office am anderen Ende der Stadt oder zweitausend Kilometer entfernt ist.

Du wirst Freiberufler und arbeitest für Kunden in ganz Europa. Du arbeitest weniger, verdienst mehr und Du bist unabhängig. Du hast ein gutes Leben. Deine Kinder werden erwachsen und Du spürst: Es ist Zeit für den Ruhestand. Also packst Du mit Deinem Schatz eure sieben Sachen und verbringst den Lebensabend an einem sonnigen Strand in Portugal.

Hört sich nach einem guten Leben an, nicht wahr?

Die Wirklichkeit sieht so aus: Artikel 45 der Europäischen Verträge gibt Dir das Recht überall in Europa zu arbeiten. Aber das ist reine Theorie.

Du hast einen Abschluss von der Universität Madrid. Die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien beträgt 50 Prozent. Also ziehst Du nach Deutschland, um Arbeit zu finden. Du bewirbst Dich bei hundert Firmen und hörst jedes Mal das Gleiche: „Es tut uns leid – aber Sie sprechen kein Deutsch“. Die wirklichen Aufgaben der Stelle würdest Du leicht bewältigen, aber niemand gibt Dir eine Chance. Ich treffe Dich am Flughafen: Du lässt Deine Schultern hängen, Dein Kopf ist gesenkt: Du bist besiegt, zerschlagen. Verbittert und hoffnungslos kehrst Du nach Hause zurück.

Die Hälfte aller jungen Spanier und Griechen hat keine Arbeit. Ein Viertel der italienischen und französischen Jugend ist ohne Job. Die am besten ausgebildete Generation aller Zeiten, hat keine Gelegenheit ihr Wissen in Fähigkeiten umzuwandeln.

Zur gleichen Zeit braucht Nordeuropa dringend Fachkräfte. Allein in Deutschland brauchen wir in den nächsten 15 Jahren rund sechs Millionen Arbeitskräfte – nur um die Generation der Baby Boomer zu ersetzen. Schon jetzt sind 540.000 Stellen unbesetzt. Gleichzeitig ziehen jedes Jahr 700.000 EU Bürger nach Deutschland.

Warum finden Jobs und Fachkraft nicht zu einander?

Im letzten Jahr habe ich mit 500 Personalern gesprochen. Alle wollen im Ausland rekrutieren und anscheinend rauchen sie alle Gras: Sie können sich nicht von der Illusion trennen, dass sie im Ausland Fachkräfte finden die bereits Deutsch sprechen. Nur 3.5% aller Stellenangebote sind auf Englisch verfügbar. Das sind 19.000 Jobs für 700.000 EU Bürger.

Stellen Sie nur rothaarige Programmierer ein?

Was wäre, wenn Sie nur Software Developer, Business Analysten oder Marketing Experten einstellen würden, die rote Haare haben? Mit der fachlichen Qualifikation hat die Haarfarbe nichts zu tun, aber die Erfolgsaussichten wären genauso hoch wie die Chance, dass sie deutschsprachige Programmierer, Analysten oder Marketing Experten im Ausland finden: Etwa 1.5 Prozent.

Die Lösung ist offensichtlich: Wenn es Millionen Jobs in Nordeuropa gibt und Millionen gut ausgebildete Arbeitslose in Südeuropa: Bringt sie zusammen!

Erlaubt jungen Fachkräften auf Englisch in der Firma anzufangen und die lokale Sprache „on the job“ zu lernen. Nicht nur in Deutschland, sondern überall in Europa. Gebt Europäern die Freiheit für die besten Firmen zu arbeiten und von den besten Leuten zu lernen. Nicht nur von denen, die zufällig die gleiche Sprache sprechen, sondern von den begabtesten Menschen in ganz Europa.

Wir könnten zwei Millionen Arbeitsplätze in Europa schaffen, wenn die Arbeitsmobilität bei uns ebenso hoch wäre wie in den USA, sagt Martina Dlabajova (ALDE party) in ihrem Bericht für das Europäische Parlament.

Ich arbeite als internationaler Recruiter. Das größte Hindernis bei der Stellenbesetzung ist nicht Talente zu finden. (Jedenfalls nicht, wenn man weltweit sucht). Das größte Hindernis ist: Die besten Kandidaten sind oft nicht bereit umzuziehen. Das nennt man „Mismatch“ und gilt ebenso für Regionen innerhalb Deutschlands wie weltweit.

Ich bin der festen Überzeugung: Wir können nicht nur Krisen bewältigen. Wir können den Menschen ein besseres, glücklicheres Leben ermöglichen. Dazu müssen wir nichts abgeben. Wir müssen nur die Hindernisse aus dem Weg räumen, die Menschen davon abhalten sich selbst eine glückliche Zukunft aufzubauen.

Wir brauchen einen Arbeitsmarkt der dem einzelnen Menschen die größten Möglichkeiten eröffnet. Dafür muss der europäische Arbeitsmarkt wie unser Smartphone funktionieren:

Millionen individueller „apps“: Das sind unsere Fähigkeiten und unsere Erfahrung. Trotzdem können all diese apps miteinander kooperieren. Denn sie alle nutzen ein gemeinsames „Operating System“. Beim Handy ist das Android, in der wirklichen Welt: Englisch.

Zwei Drittel aller Europäer zwischen 18 und 42 Jahren sprechen Englisch. In der Geschäftswelt ist Englisch längst „lingua france“ – vor allem für eine Exportnation wie Deutschland.

Stell‘ Dir vor Du könntest in ganz Europa arbeiten. Nicht theoretisch, sondern wirklich. Stell‘ Dir vor Du könntest bei jeder Firma auf Englisch anfangen und die lokale Sprache „on the job“ lernen.

Ich wünsche Dir eine großartige Karriere. Ich wünsche Dir die Chance auf „jeden Job, überall“.

Nachwort

Der Economist weißt darauf hin: Nur mit hoher Arbeitsmobilität kann der Euro funktionieren. Dieser Artikel erschien leicht abgewandelt in meiner Kolumne für „The European„.

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Alexander Graf Lambsdorff zu Gast

Alexander Graf Lambsdorff zu Gast bei Chris Pyak

Alexander Graf Lambsdorff war gestern Gast in unserem Heim. Der Vize Präsident des Europäischen Parlaments diskutierte mit Expatriates aus zehn Ländern über Einwanderung und Europa.

Eine Erkenntnis der Diskussion: Deutsche Behörden und Unternehmen brauchen Englisch als zweite Amtssprache, um im Wettbewerb um die besten Talente der Welt zu bestehen.

Immigrant Spirit GmbH vermittelt internationale Fachkräfte an Unternehmen in Deutschland.

 

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