Die Verdienst-Deutschen

Cosmina’s Hand zittert und mit ihr der Rentenbescheid den sie hält. Die Zahl auf der Rückseite macht sie wütend. So unendlich wütend. 50.000 EUR. So viel hat sie in den letzten fünf Jahren in die Rentenkasse gezahlt. Deutschland hat ihr nichts gegeben. Selbst ihr Studium hat ihr Geburtsland Rumänien bezahlt.

Jetzt füttert sie jeden Monat einen deutschen Rentner durch. Und zwar ganz alleine. 850 EUR im Monat gehen für die Rentenversicherung drauf. Die Kasse legt davon nichts zurück. Jeder Cent wird ausgegeben, um die heutigen Renten zu bezahlen.

Cosmina aber wird arbeiten müssen bis sie 70 ist. Dann wird sie eine winzige Rente erhalten, bestenfalls 40 Prozent des letzten Gehalts. Das sind nicht nur viel weniger als heutige Rentner – sie wird sogar in absoluten Zahlen weniger Geld zurück erhalten, als sie selbst eingezahlt hat. Gleichzeitig beschimpft der Rentner, den sie mit ihrer Arbeit ernährt, Rumänen auf Facebook als „Sozialschmarotzer“. Sie zerknüllt den Rentennachweis.
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Ismael steht an der Bushaltestelle, seine Jacke ist schmutzig, seine Jogginghose zerknittert. Er riecht. Die junge Frau die auf ihn zukommt, kann den Geruch noch nicht wahrnehmen. Sie tritt auf ihn zu, dabei rückt sie ihren Schal zurecht. Sie lächelt peinlich berührt und drückt ihm 20 EUR in die Hand. Schnell dreht sie sich um und eilt davon.

Ich sitze ihm Garten seines Hauses und spiele mit seinen Töchtern, als Ismael zu uns tritt. Nach dem joggen ist er jetzt frisch geduscht und erzählt sein Erlebnis. „Diese Gutmenschen“ lacht er. Er hat es nicht übers Herz gebracht, die Dame aufzuklären: Er, der vermeintliche Flüchtling, ist in Wahrheit Geschäftsführer der Tochtergesellschaft eines japanischen Konzerns. Letztes Jahr hat er 400 Millionen EUR Umsatz erwirtschaftet. Die junge Dame hat sich so gefreut, etwas Gutes zu tun, warum sollte er das zerstören? Außerdem: 20 EUR sind 20 EUR. Ismael ist ein typischer Top-Manager, testosterongesteuert spielt er, um zu gewinnen. Dürfte er wählen, wäre er in der FDP.
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„Letzter Aufruf für Flug…“, den Rest hört Karim nicht mehr. Ein Sicherheitsbeamter spricht ihn an. „Sicherheitsüberprüfung“. Es ist reiner Zufall dass es ihn erwischt. Bei den „Zufallskontrollen“ erwischt es fast jedes Mal ihn. Manche Leute haben einfach Pech. Es hat nichts damit zu tun, dass er amerikanischer Staatsbürger ist. Seine arabischen Eltern? Was haben die damit zu tun?
Karim fühlt die Blicke der anderen Passagiere in seinem Rücken, während er seinen Koffer auspacken muss. Für seine Fähigkeiten als Projektmanager zahlt ihm ein bekannter Telefonkonzern an einem Tag mehr Geld als andere in einem Monat verdienen. Seine Steuerlast kann ein kleines Bundesland sanieren. Trotzdem muss er sich bei jedem zweiten Flug demütigen lassen. Immer und immer wieder.
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Während andere Studenten gefeiert haben, hat Evgenia zusätzlich Vollzeit gearbeitet. Nicht irgendwo, sondern bei Morgan Stanley. Sie musste ihre Eltern unterstützen. Sechs Jahre ist das her. Seitdem hat sie jeden Tag gearbeitet, Steuern und Rentenbeiträge gezahlt und den Profit ihres Arbeitgebers vermehrt. Vor einem Monat war sie mit ihrer Freundin beim Tori Amos Konzert in Essen. Nach dem Konzert wollten die beiden nach Hause gehen. Plötzlich stürzt ein wildfremder Mann auf Evgenia zu. Sein Gesicht hochrot, seine Nase berührt fast ihre Augen. Nur ein Zentimeter Luft.
Er schreit sie an, holt aus um sie zu schlagen – und Evgenia flieht. Sie und ihre Freundin sind noch immer erschüttert. Sie fühlen sich nicht mehr sicher in unserem Land.
Der Mann schrie: „Geh‘ zurück in Dein Land!“. Er war Deutscher. Evgenia ist Asiatin.

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