Die Verdienst Deutschen Zwei

Hier fängt der Text an.
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Prashant zählt die Tage bis er Dresden verlassen kann. Nachts traut er sich nicht mehr auf die Straße. Selbst am hellen Tag trommeln Männer mit wütenden Fäusten gegen die Fenster des Busses, wenn sie ihn sehen. Auf der Straße wird er angespuckt und bedroht. Niemand schreitet ein. Das alles erfahre ich beiläufig, während ich ihn zu seiner Karriere berate. Er berichtet dass wie etwas Alltägliches. In wenigen Monaten wird er seinen Doktortitel verteidigen. Die Universität würde ihn gerne halten, aber Prashant will weg.

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Ulrich sieht die Pupillen der Frau zu Eis gefrieren, an diesem dunklen Wintermorgen. Kaum dass sie sein Gesicht wahrnehmen konnte, schließt sich ihre Hand fester um das Händchen ihrer kleinen Tochter. Ihr schritt beschleunigt sich und sie zerrt das Kind auf die andere Straßenseite. Sie hat Ulrichs helle Haut gesehen, seine blonden Haare. Wage Ängste verdichten sich in Sekunden zum Urteilsspruch. Bedrohung! Lass Deine schmutzigen Hände von meinem Kind! Sie sagt es nicht, aber es steht in ihren Augen. Sie hat die Kriminalstatistik gelesen. Jeder weiß dass ein Deutscher 68% wahrscheinlicher ein Kinderschänder ist, als jemand mit einer anderen Staatsangehörigkeit. Männer wie Ulrich sind besonders schlimm: Deutsch, weiß und über fünfzig.

War nicht erst vor ein paar Wochen wieder so ein Fall in den Medien? Der AfD Vize von Mecklenburg-Vorpommern, Holger Arppe, musste zurücktreten, weil er in einer geheimen Chatgruppe seine perversen Phantasien ausgelebt haben soll. Wörtliches Zitat: „Dann wollen die Kinder alle mitspielen. So´n schönes zehnjähriges Poloch ist sicher schön eng…“

Später erzählt die Mutter der Kindergärtnerin wie sie sich fürchtet. „Die sind doch alle gleich!“ Bist Du Deutscher? Bist Du ein Kinderschänder?

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Nur eine dieser Geschichten ist erfunden. Und selbst diese enthält echte Zitate und die tatsächliche Kriminal-Statistik. In den Köpfen zu vieler Deutsche steckt das Ausländerbild der 60er Jahre: Der ungelernte Gastarbeiter.

Tatsächlich sind die Ausländer, die heute zu uns kommen, besser gebildet als der Durchschnittsdeutsche. Es sind Menschen, wie diejenigen die ich oben beschrieben habe.

Langzeitarbeitslos, schlecht integriert und ohne eine Ausbildung die im 21. Jahrhundert wertvoll ist – solche Menschen findet man heute woanders:

Der typische Langzeit-Hartz-4-Empfänger ist kein Türke aus dem Ruhrgebiet, sondern ein „Ossi“ aus Sachsen-Anhalt, Sachsen oder Brandenburg. Nirgendwo sonst ist der Prozentsatz derer höher, die über Jahre vom Geld anderer Leute leben. Gleichzeitig sind dies die Landesteile in denen die AfD weit überdurchschnittliche Ergebnisse erzielt. Wer selbst keine eigenen Leistungen vorzuweisen hat, der will zumindest auf „sein Volk“ stolz sein?

Was geht Dir durch den Kopf, wenn Du diese Sätze liest?

„Ostdeutscher gleich Schnorrer und Nazi.“ Dagegen würde ich mich als Sachse, Thüringer oder Brandenburger auch verwehren. Wir Menschen wollen nicht zur dumpfen Masse degradiert werden. Wir wollen als einzelner Mensch gewürdigt werden. Als Individuum, das Respekt und Wertschätzung verdient, einfach weil wir ein Mensch sind.

Jeder achte Deutsche hat bei der Bundestagswahl seine Stimme der AfD gegeben. Sie haben eine Partei voller Rassisten, Antisemiten, Frauenfeinde und Homophoben gewählt. Eine Partei gegen deren Führungspersonal reihenweise der Staatsanwalt ermittelt: Sexuelle Belästigung, Vergewaltigung, Veruntreuung, Meineid – nur ein paar der Vorwürfe.

Man dürfe aber die AfD Wähler nicht für ihre eigenen Entscheidungen verantwortlich machen, sagt man mir. So als ob sie unmündige Kinder wären.

Im Gegenteil. Man müsse sich jetzt umso mehr um sie bemühen. Sie hätten nicht aus Hass gehandelt, sondern weil sie das Gefühl haben, dass ihr Schicksal allen egal sei. Weil sich keiner für sie interessiere, weil keiner ihre Rechte vertrete, kurz: Weil sie sich nicht gewürdigt und geschätzt fühlen. „Ich habe mich nur gewehrt.“

Kannst Du dieses Argument nachvollziehen?

Was bedeutet das dann für die Ausländer in Deutschland?

Zehn Millionen Ausländer leben in Deutschland. 43% sind EU Bürger. Keiner von ihnen hatte eine Stimme bei der Bundestagswahl. Keiner hatte eine Möglichkeit für seine Interessen, abzustimmen und sich Gehör zu verschaffen. Stattdessen erleben sie Vorurteile, Diskriminierung, Geringschätzung.

Jeder der die AfD gewählt hat, hat dabei Menschen wie Cosmina, Prashant und Evgenia ins Gesicht gespuckt. „Ich habe mich nur gewehrt.“

Dürfen das unsere Ausländer auch sagen?

Vor zwei Jahren habe ich eine indische Doktorandin in ein Pharma-Unternehmen in Süddeutschland vermittelt. Am Tag, als sie den Arbeitsvertrag unterschrieben hat, stellte ihr Chef fünf Forschungsassistenten ein. Jetzt hat sie eine neue Stelle in der Schweiz angenommen. Das Team wird gekündigt: Ohne Forscherin gibt es keinen Bedarf an Assistenten.

Warum ist sie gewechselt? „Ich fühle mich in Deutschland nicht geschätzt.“

In einer weltweiten Untersuchung von internationalen Fachkräften wird Deutschland als eines der unfreundlichsten Länder bewertet. Rang 53 von 64 Ländern. Sogar Kasachstan gilt als freundlicher als Deutschland.

Wer nicht geschätzt wird, der geht. Fünf deutsche Assistenten stehen jetzt auf der Straße, weil wir eine begabte Wissenschaftlerin aus Indien lieber ausgrenzen statt einbinden.

Das betrifft Dich ganz persönlich, wie die Stadt Hüpstedt in Thüringen zeigt. Das Altersheim dort hat dicht gemacht. Der Betreiber konnte keine Fachkräfte finden.  Krankenschwestern sind Mangelware in Deutschland, sie können sich ihre Jobs aussuchen – und sie sind oft Ausländer oder haben einen „Migrationshintergrund“. In Hüpstedt haben ein Viertel der Einwohner AfD und NPD gewählt. Zu einer Stadt voller Rassisten sagen Pflegekräfte „Nein, danke“.

Du fürchtest Dich vor „Terroristen“? Dann hast Du noch nicht genug Angst. Ich habe fünf Jahre im Krankenhaus Krebspatienten und andere schwere Schwerkranke gepflegt. Fürchte Dich nicht vor Flüchtlingen. Fürchte Dich davor, dass Du im Alter vergeblich auf den Klingelknopf drückst, weil keine ausländische Krankenschwester in Deiner Stadt arbeiten will. Männer in Springerstiefeln werden Dir nicht den Hintern abwischen, wenn Du in Deiner eigenen Scheiße liegst.

Ausländer haben keine Stimme.

Über Rassisten wird täglich diskutiert, über die Sorgen und Wünsche der Ausländer in unserem Land spricht kein Mensch. Sie kommen im politischen Diskurs nur als „Objekt“ vor. Als potentieller Terrorist, Sozialschmarotzer, Konkurrenz für den eigenen Arbeitsplatz – oder bestenfalls als Opfer von Unterdrückung.

Als eigenständiges Subjekt, als eigentümlicher Mensch mit eigenen Wünschen, Ängsten und Zielen kommen Ausländer nicht vor. Ausländer sind stets nur Stereotype, niemals Individuum.

Das muss sich ändern.

Dieser Artikel wird Dich vielleicht kurz zum nachdenken bringen. Aber schon in den Kommentaren zu diesem Text werden wieder die gleichen Standardparolen abgespult werden. Menschen sind so. Es ist unbequem sich auf die Menschen einzulassen, die das Ziel dieser bösartigen Sprüche sind und durch den Hass verletzt werden.

Darum setze ich nicht auf einen Gesinnungswandel. Ich setze auf Emanzipation.

„No Taxation without Representation“ war die berechtigte Forderung der amerikanischen Siedler. Wer einen Beitrag zu Gesellschaft leistet, muss auch ein Mitspracherecht haben. Die Verweigerung dieses selbstverständlichen Rechts hat zum Unabhängigkeitskrieg geführt.

Wer fordert, dass Ausländer sich „integrieren“ müssen, der muss ihnen auch die Möglichkeit dazu geben. Wer seit Jahren bei uns lebt, regelmäßig Sozialversicherungen gezahlt hat, Deutsch spricht, keine Vorstrafen hat und sich zu unserem Grundgesetz bekennt: Der kann deutscher Staatsbürger werden. Aber niemals wirklich „Deutsch“ sein. Ihnen wird immer der Zusatz „mit Migrationshintergrund“ angehangen. Sie werden immer auf ihren Ausgangspunkt festgenagelt, statt den Weg zu würdigen, den sie gegangen sind.

Alle sogenannten „Bio-Deutschen“, jetzt aufgemerkt:

Wer als Ausländer die deutsche Staatsbürgerschaft erwirbt, der hat sie sich verdient. Er hat sie nicht geschenkt bekommen. Sie haben dafür jahrelang gearbeitet. Sie haben Steuern gezahlt. Sie haben Deine Rente bezahlt. Sie haben unsere Sprache gelernt. Sie haben etwas dafür getan, sich Deutsche nennen zu dürfen.

Diese Deutschen verdienen ihr Bürgerrecht. Sie sind verdiente Deutsche. Merit Germans.

Ich bin stolz auf jeden einzelnen von ihnen.

Zehn Millionen Ausländer leben in unserem Land. Wir haben jeden Grund sie möglichst fest an uns zu binden, denn sie halten unser Land am Laufen. Millionen junger Deutscher stehen an ihrer Seite. Gemeinsam fordern sie: Die Anforderungen, welche Ausländer erfüllen müssen, um Deutsche zu werden sind klar definiert. Jetzt ist es Zeit, darüber zu sprechen, welche Anforderungen unsere Gesellschaft erfüllen muss.

Jeder AfD Wähler versteht, was ich jetzt schreibe: Wir wollen als Individuum gewürdigt werden, mit unserer ganzen Geschichte. Wir wollen uns nicht die Hälfte unseres Herzens aus der Brust reißen müssen, um „dazu“ zu gehören. Niemand will das.

Wer fordert das Ausländer „sich entscheiden müssen wo sie hingehören“ der lügt. Im gleichen Atemzug sprechen solche Leute von Ahmed als „dem Türken“. Drei Generationen in Deutschland, fließendes Deutsch und der deutsche Pass ändern am Weltbild dieser Leute: Null.

Darum sage ich Ausländern und Merit-Deutschen gleichermaßen: Pfeift auf die Anerkennung dieser Menschen. Setzt nicht auf Empathie, setzt auf Emanzipation.

Wer die Spaltung der Gesellschaft heilen will, der akzeptiert Menschen als Individuum mit ihrer ganzen Geschichte.

Darum ist es Zeit, dass wir die doppelte Staatsbürgerschaft für alle ermöglichen. FDP und Grüne haben diese Forderung in ihren Wahlprogrammen. Ich erwarte, dass sie den Doppelpass für Alle zur Koalitionsbedingung machen.

Und jetzt kommst Du, lieber Leser: Emanzipation heißt, sein Schicksal in den eigenen Händen halten. Möchtest Du die doppelte Staatsbürgerschaft? Dann musst Du jetzt Druck machen, während die Koalitionsverhandlungen laufen.

Schreibe an die Vertreter von FDP und Grünen und mach Druck.

Willst Du bei der nächsten Bundestagswahl eine Stimme haben, dann mach jetzt von ihr Gebrauch. Werde laut!

Die Verdienst-Deutschen

Cosmina’s Hand zittert und mit ihr der Rentenbescheid den sie hält. Die Zahl auf der Rückseite macht sie wütend. So unendlich wütend. 50.000 EUR. So viel hat sie in den letzten fünf Jahren in die Rentenkasse gezahlt. Deutschland hat ihr nichts gegeben. Selbst ihr Studium hat ihr Geburtsland Rumänien bezahlt.

Jetzt füttert sie jeden Monat einen deutschen Rentner durch. Und zwar ganz alleine. 850 EUR im Monat gehen für die Rentenversicherung drauf. Die Kasse legt davon nichts zurück. Jeder Cent wird ausgegeben, um die heutigen Renten zu bezahlen.

Cosmina aber wird arbeiten müssen bis sie 70 ist. Dann wird sie eine winzige Rente erhalten, bestenfalls 40 Prozent des letzten Gehalts. Das sind nicht nur viel weniger als heutige Rentner – sie wird sogar in absoluten Zahlen weniger Geld zurück erhalten, als sie selbst eingezahlt hat. Gleichzeitig beschimpft der Rentner, den sie mit ihrer Arbeit ernährt, Rumänen auf Facebook als „Sozialschmarotzer“. Sie zerknüllt den Rentennachweis.
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Ismael steht an der Bushaltestelle, seine Jacke ist schmutzig, seine Jogginghose zerknittert. Er riecht. Die junge Frau die auf ihn zukommt, kann den Geruch noch nicht wahrnehmen. Sie tritt auf ihn zu, dabei rückt sie ihren Schal zurecht. Sie lächelt peinlich berührt und drückt ihm 20 EUR in die Hand. Schnell dreht sie sich um und eilt davon.

Ich sitze ihm Garten seines Hauses und spiele mit seinen Töchtern, als Ismael zu uns tritt. Nach dem joggen ist er jetzt frisch geduscht und erzählt sein Erlebnis. „Diese Gutmenschen“ lacht er. Er hat es nicht übers Herz gebracht, die Dame aufzuklären: Er, der vermeintliche Flüchtling, ist in Wahrheit Geschäftsführer der Tochtergesellschaft eines japanischen Konzerns. Letztes Jahr hat er 400 Millionen EUR Umsatz erwirtschaftet. Die junge Dame hat sich so gefreut, etwas Gutes zu tun, warum sollte er das zerstören? Außerdem: 20 EUR sind 20 EUR. Ismael ist ein typischer Top-Manager, testosterongesteuert spielt er, um zu gewinnen. Dürfte er wählen, wäre er in der FDP.
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„Letzter Aufruf für Flug…“, den Rest hört Karim nicht mehr. Ein Sicherheitsbeamter spricht ihn an. „Sicherheitsüberprüfung“. Es ist reiner Zufall dass es ihn erwischt. Bei den „Zufallskontrollen“ erwischt es fast jedes Mal ihn. Manche Leute haben einfach Pech. Es hat nichts damit zu tun, dass er amerikanischer Staatsbürger ist. Seine arabischen Eltern? Was haben die damit zu tun?
Karim fühlt die Blicke der anderen Passagiere in seinem Rücken, während er seinen Koffer auspacken muss. Für seine Fähigkeiten als Projektmanager zahlt ihm ein bekannter Telefonkonzern an einem Tag mehr Geld als andere in einem Monat verdienen. Seine Steuerlast kann ein kleines Bundesland sanieren. Trotzdem muss er sich bei jedem zweiten Flug demütigen lassen. Immer und immer wieder.
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Während andere Studenten gefeiert haben, hat Evgenia zusätzlich Vollzeit gearbeitet. Nicht irgendwo, sondern bei Morgan Stanley. Sie musste ihre Eltern unterstützen. Sechs Jahre ist das her. Seitdem hat sie jeden Tag gearbeitet, Steuern und Rentenbeiträge gezahlt und den Profit ihres Arbeitgebers vermehrt. Vor einem Monat war sie mit ihrer Freundin beim Tori Amos Konzert in Essen. Nach dem Konzert wollten die beiden nach Hause gehen. Plötzlich stürzt ein wildfremder Mann auf Evgenia zu. Sein Gesicht hochrot, seine Nase berührt fast ihre Augen. Nur ein Zentimeter Luft.
Er schreit sie an, holt aus um sie zu schlagen – und Evgenia flieht. Sie und ihre Freundin sind noch immer erschüttert. Sie fühlen sich nicht mehr sicher in unserem Land.
Der Mann schrie: „Geh‘ zurück in Dein Land!“. Er war Deutscher. Evgenia ist Asiatin.

Hier geht’s weiter.

Dampf ablassen beim Verbrennungsmotor


Er war ineffizient, laut, verpestete die Luft und umweltschädlich. Und nach 142 Jahren war endgültig Schluss. Es ist der 26. Oktober 1977 und heute fuhr zum letzten Mal eine Dampf-Lokomotive im Linienbetrieb der Deutschen Bahn. Der Dampfantrieb hat sich überlebt.

Es ist der 26. Oktober 2017 – 40 Jahre später. Schauen wir uns den Verbrennungsmotor an.

Beamtenstatus für Mindestlohner!


Ich bin in den siebziger und achtziger Jahren groß geworden. Das Lebensgefühl meiner Generation war: „Wir werden leben wie unsere Eltern, nur cooler.“ Diese optimistische Grundhaltung spiegelt sich in der Musik und den Filmen unserer Jugend. „Zurück in die Zukunft“ versprach uns fliegende Autos und Hoverboards für den 22. Oktober 2015.

Dieses Grundvertrauen, dass unser Leben morgen besser sein wird als heute, ist verloren gegangen. Insbesondere Menschen mit geringer Bildung und einer Lebensgeschichte die nicht in die „DIN Form“ gepresst werden kann, haben wenig Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die erste Lösung dafür ist Bildung. Natürlich – gleichzeitig müssen wir uns eingestehen, dass Menschen unterschiedliche Begabungen haben. Manche werden auch durch viel Studium nicht für geistige Tätigkeiten qualifiziert. Ihre Begabung ist praktischer Natur.

Die Flüchtlingskrise sorgt dafür, dass wir das Schicksal dieser Menschen nicht mehr ignorieren können. Wir müssen eine glaubwürdige Lösung finden, die es einfach gebildeten Menschen erlaubt, ihre Familien zu ernähren und ein Stück Wohlstand aufzubauen. Flüchtlinge sind deswegen keine Bedrohung, sondern eine große Chance für Menschen mit geringer Qualifikation. Endlich muss sich die Politik auch um ihre Nöte kümmern.

Die Grenzen des (Staats-)Wachstums.

Bisher nehmen vor allem linke Parteien für sich in Anspruch, für die einfachen Menschen zu sprechen. Viele ihrer Forderungen sind im Laufe der Zeit im Mainstream angekommen und in Gesetze gegossen worden. Diese Lösungen sind an ihr Limit gestoßen. Der Staat sollte die materielle Existenzgrundlage des Menschen garantieren, doch mittlerweile ist es ebendieser Staat der gerade die Schwächsten in der Gesellschaft bedrängt und in Not bringt.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Nehmen wir einen „Mindestlohner“. Vielleicht eine alleinerziehende Mutter die putzen geht. Oder einen Einwanderer mit schlechten Deutschkenntnissen der als Paketbote arbeitet. Beide machen harte Arbeit und leisten einen Beitrag zur Gesellschaft. Vor 30 Jahren konnte ein Postbote von seinem Gehalt eine Familie ernähren. Mein Vater war ein kleiner Beamter und konnte fünf Kinder großziehen, in Urlaub fahren und sein Haus abzahlen. Und heute? Der gesetzliche Mindestlohn beträgt 8,50 EUR brutto. Auf den ersten Blick. Doch dazu später mehr. Mit 169 Stunden im Monat arbeitet unser Paketbote Vollzeit. Und verdient 1.436 EUR brutto. Anscheinend.

In Wirklichkeit verdient ein Mindestlohner mehr. Denn der Arbeitgeber muss zusätzlich zum Lohn noch etwa 20% Arbeitgeberanteil auf die Sozialversicherungen zahlen. Das sind Vollzeitkosten von 1.713 EUR. Der Arbeitnehmer hat diese Kosten und es ist ihm egal ob er das Geld dem Mitarbeiter zahlt, oder… Wem eigentlich? Wenn wir am Monatsende auf das Konto des Paketboten schauen, finden wir dort nur 1.141 EUR. Wo ist der Rest geblieben? 1.700 EUR sind ein Gehalt, von dem man eine Familie ernähren kann. 1.140 EUR sind ein Almosen. Die Differenz kassiert der Staat. Der Staat nimmt Mindestlohnern ein Drittel ihres Einkommens weg. Hartz-4-„Aufstocker“ müssen vom Staat Hilfe beantragen, die sie ohne den Staat gar nicht benötigen würden. Das ist verrückt. Doch es kommt noch schlimmer. Die Mindestlohner werden betrogen. Jeden Monat zahlt der Mindestlohner in unserem Beispiel 268,54 EUR in die Rentenversicherung ein. Eine riesige Summe für jemanden, der nur 1.141 EUR zum Leben hat. Von diesem Geld hat der Mindestlohner keinerlei Vorteil. Denn erst ab einem viel höheren Einkommen, circa bei 2.500 EUR brutto, übersteigt der Rentenanspruch das Existenzminimum. Das Geld ist für den Mindestlohner zum großen Teil verloren. Das ist beschämend.

Die Armen zahlen mehr an den Staat als die Reichen.

Wenn Sie jetzt noch nicht wütend sind: es geht noch weiter. Wir sind uns sicher einig, dass jeder seinen Beitrag zur Gesellschaft leisten muss. Selbst wenn Sie nicht der Ansicht sind, dass Starke mehr leisten sollen als Schwache, werden Sie mir zumindest zustimmen, dass der Schwache nicht den Starken finanzieren soll. Nein, dies ist kein Druckfehler: Ein Mindestlohner verdient eigentlich 1.700 EUR und zahlt 33,3 Prozent davon an den Staat. Jemand, der 5.000 EUR verdient, zahlt dagegen nur 17,3 Prozent. Das ist gerade mal die Hälfte. Unternehmer und Freiberufler zahlen keine Sozialversicherungen. Für sie fällt nur die Einkommenssteuer an. Das sind bei Steuerklasse 3 und 5.000 EUR brutto nur 17.3 Prozent. Satte 16 Prozentpunkte weniger als der Mindestlohner – trotz zweieinhalbmal höherem Einkommen. Im Gegenzug erhält der Unternehmer allerdings keinerlei staatliche Leistungen und trotzdem: Das ist ungerecht.

Doch wir sind immer noch nicht fertig. Es gibt eine zweite Bevölkerungsgruppe, die sich vor den Sozialversicherungen drückt. Doch diese Gruppe lässt sich auch noch von den Mindestlohnern alimentieren. Ich spreche von jener Bevölkerungsgruppe, die laut Studien das höchste Vermögen in Deutschland hat: Beamte. Genau wie Unternehmer zahlen sie keine Sozialleistungen. Gleichzeitig erhalten sie aber eine Jobgarantie fürs Leben und eine – im Vergleich zur Privatwirtschaft – sehr ordentliche Alterssicherung. Ohne dafür einen Cent zu zahlen. Und jetzt dürfen Sie wütend werden.

Beamtenstatus bis zum Mindestlohn

Das Beamte ein hohes Sicherheitsbedürfnis haben, muss man nicht erklären. Folgerichtig haben sie – für sich selbst – die sicherste Form der Alterssicherung gewählt: Die steuerfinanzierte Pension. Die Ansprüche der Beamten werden aus dem Ertrag sämtlicher Unternehmen in Deutschland finanziert. Das ist maximale Diversifikation. Höchste Sicherheit. Ich will den Beamten ihre Sicherheit nicht nehmen. Ich will die gleiche Sicherheit auch dem Rest unserer Bevölkerung geben und gleichzeitig Menschen mit niedriger Bildung erlauben, ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft zu verdienen und sich ein Stück Wohlstand aufzubauen. Das alles können wir gemeinsam erreichen, und zwar wie folgt: Lassen wir die Leistungen der Sozialversicherungen unverändert. Lassen wir weiterhin die Berechnungsgrundlage der Leistungen (Gehalt und Arbeitsjahre) unverändert. Aber ändern wir die Finanzierung der Sozialversicherungen. Machen wir aus den Sozialversicherungen eine Steuer. Idealerweise eine Steuer auf den Umsatz von Unternehmen. Denn den Umsatz können sich Firmen nicht kleinrechnen.

Ein weiterer Vorschlag: Arbeitnehmer und Arbeitgeber behalten jeweils ihren Anteil an der eingesparten Sozialversicherung. Was wären die Folgen? Die Leistungen und die Sicherheit der Arbeitnehmer bleiben erstens unverändert. Zweitens steigt das Nettoeinkommen von Mindestlohnern bei Vollzeitarbeit auf 1.431 Euro, das ist ein Plus von 25,7 Prozent. Gleichzeitig sinken die Lohnkosten von Arbeitgebern dieser Mindestlohner, und zwar um 18,8 Prozent. Unternehmen würden durch Umsatzsteuer jedoch nur bei tatsächlich getätigten Geschäften belastet. Schließlich würden aber die Preise auf breiter Front entsprechend der Steuer steigen. Das wäre der Preis, der zu bezahlen ist, aber er ist verschmerzbar: Die Belastung wäre auf die gesamte Bevölkerung verteilt.

Die Belastung für die Allgemeinheit wird in der Gesamtschau sogar noch erträglicher, denn sinkende Arbeitskosten sorgen für zusätzliche Arbeitsplätze. Das haben wir in den Jahren seit der Agenda 2000 erlebt. Das zusätzliche Netto erlaubt der Mittelschicht einfache Tätigkeiten wie Putzen, Waschen, Kochen, Gartenpflege etc. als Dienstleistung einzukaufen. Das schafft Jobs und steigert die Lebensqualität – insbesondere für Paare bei denen beide Partner berufstätig sind. Gleichzeitig werden diese Tätigkeiten attraktiver, weil das Einkommen bei den Arbeitnehmern bleibt – statt ins Staatssäckel zu wandern. Vor allem: Wer von seiner eigenen Arbeit gut leben kann, verspürt Selbstrespekt und Stolz. Wer die Früchte seiner Arbeit erntet und davon einigermaßen zufrieden leben kann, liest weder den Koran noch „Mein Kampf“. Nehmen wir die drückende Staatslast von den Schultern der Menschen. Dann arbeiten sie und erschaffen eine bessere Zukunft.